Photograph – You won’t ever be alone


16.08.2025 – 25 Jahre alt

„Jetzt zappel doch nicht so!“, herrschte Jenny genervt. „Irgendwas muss ich ja tun!“ „Wie wärs mit hinsetzen und endlich mal ruhig bleiben? Gott, da muss doch jeder mal durch, jetzt hab dich nicht so!“ Seufzend setzte ich mich wieder vor den Spiegel und unterdrückte die Anmerkung, dass meine Freundin soeben zweimal ‚nicht so‘ am Satzende benutzt hatte. Was man nicht alles bemerkte, wenn man nervös war. Nur mit Mühe konnte ich mich zum Stillhalten zwingen, während Jenny mir eine kunstvolle Hochsteckfrisur flocht. Mir war das zu viel Aufmerksamkeit, aber Flo hatte darauf bestanden. Und das war der einzige Grund, warum wir dieses Spektakel hier veranstalteten. Glücklicherweise beinhaltete der heutige Tag kaum mehr als Vorbereitungen, warten und Essen. Und Standesamt. Und ich konnte auf das sündhaft teure Kleid verzichten. Stattdessen trug ich ein schlichtes, hellblaues Cocktailkleid, das schon seit Jahren in meinem Schrank hing und mir überraschenderweise noch passte. Die Kürze machte im Hochsommer nichts aus, das fiel eh keinem auf. Jeder lief in kurzen Sachen herum, warum konnte ich dann nicht auch in einem kurzen Cocktailkleid heiraten? Jenny war endlich mit meiner Frisur fertig, sah mich prüfend im Spiegel an. „Du bist blass“, stellte sie dann fest. „Komisch, woher das denn kommt?“, gab ich angespannt zurück. Seufzend schnappte sich meine Freundin die Schminktasche auf der Ablage. Mit ein bisschen Rouge sah ich gleich besser aus. „Komm schon, wir müssen los“, meinte nun auch Flo, der sich unbemerkt in das Badezimmer geschlichen hatte. Er musterte mich von oben bis unten, sagte jedoch nichts. Ich war ihm dankbar dafür, Kommentare würden mich nur noch nervöser machen, als ich es eh schon war. Dabei war es doch nur im engsten Familienkreis! Unsere Eltern, Jakob, Tanten und Onkel, Omas und Opas. Die meisten kannte ich doch eh schon seit Ewigkeiten, warum verlangte mir das dann so viel ab? Mit den anderen beiden lief ich zum Wagen, der direkt vor der Tür stand. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir zu zweit geheiratet und wären danach nach Mallorca geflogen. Ich könnte jetzt mit einem Martini am Strand sitzen und ein gutes Buch lesen. Aber nein, stattdessen waren wir hier. Zwar war es sonnig, aber nicht Mallorca. Und der ganze Stress machte mich noch nervöser.

Die Fahrt verging schneller als gedacht, und ehe ich mich versah wurde ich von verschiedenen Personen umarmt und geherzt. Von meinen Eltern, Flos Eltern, Jakob, einfach allen. Sogar Jakobs Freundin hatte Zeit für unsere Hochzeit gefunden, dabei arbeitete sie Freitagmittag üblicherweise. Etwas weiter hinten konnte ich Flo sehen, der gerade mit seinem besten Freund scherzte. Vielleicht würde dieser Tag ja gar nicht so schlimm werden.

 

Advertisements

Meinungsfeld

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s