Photograph – So you can keep me inside the pocket of your ripped jeans


30.12.2017 – Siebzehn Jahre alt

Ich wachte bereits mit einem unguten Gefühl auf. Irgendetwas stimmte nicht, und das hing definitiv nicht mit Jakob zusammen, der kochte. Dabei wohnte er gar nicht mehr hier. „Guten Morgen?“, begrüßte ich ihn leicht irritiert. „Morgen, Kleines. Willst du auch Pfannkuchen?“ „Okay…“ Während mein Bruder Teig in die Pfanne goss, setzte ich mich auf die Theke. „Was machst du hier?“, fragte ich letztendlich. „Ich mache dir Pfannkuchen. Außerdem ist morgen Silvester und Max will eine Party schmeißen. Zwei Tage lang, und darauf habe ich keine Lust. Willst du Nutella oder Zimtzucker drauf?“ Max war Jakes Mitbewohner und dezent partysüchtig. Da mein Bruder nichts von wilden, alkoholgeschwängerten Partys hielt, kam er immer zu uns, wenn Max eine Hausparty schmiss. Bisher war das nur an Silvester und an Jakes Geburtstag passiert, da war es nicht weiter aufgefallen. Er kam eh immer dann nach Hause. „Also, was hast du heute vor? Gehen wir Schlitten fahren? Oh bitte, ich war ewig nicht mehr auf einem Schlitten!“, bettelte eben Genannter und stellte einen Teller vor mir ab. Darauf lag ein Pfannkuchen, der dünn mit Nutella beschmiert war. Ab und an konnte ich ein paar Körnchen Zimtzucker ausmachen, offenbar hatte Jake sich nicht aus meiner fehlenden Antwort gemacht und beides auf meinen Pfannkuchen getan. „Ich geh zu Flo, er wollte mich unbedingt sehen…“, antwortete ich und beobachtete gierig, wie er mir ein Schälchen mit kleingeschnittenen Erdbeeren und Bananen reichte. Schnell verteilte ich den Inhalt und rollte meinen Pfannkuchen zusammen. Eins konnte man Jakob lassen: Er kannte mich einfach zu gut. Viel zu schnell hatte ich aufgegessen, aber ich konnte mir noch genüsslich die Finger ablecken. Dann bedankte ich mich bei meinem Bruder und ging nach oben, um mich fertig zu machen.

„Ihr tut was?!“, rief ich entgeistert aus. „Wir ziehen um“, bestätigte Flo traurig. „Das ist nicht dein Ernst.“ Ich hoffte stark, dass dies nur ein vorverlegter Aprilscherz war. Doch die Miene meines besten Freundes hellte sich nicht wieder auf. Stattdessen rieb er sich über die Augen, legte den Kopf in die Hände. „Tut mir Leid“, nuschelte er leise. „Nein, Flo. Nein.“ Es war mir egal, das meine Stimme fast schon zu dünn war. Lass es ein Scherz sein, lass es ein verdammter Scherz sein! Ich wartete vergeblich. „Das geht nicht, wir stehen kurz vor dem Abschluss! Florian!“, meinte ich weinerlich. „Das hilft nichts. Mama hat endlich die Chance, auf die sie seit Ewigkeiten gewartet hat. Ich bin an einer anderen Schule angemeldet. Es tut mir leid. Wirklich“, sagte Flo, nachdem er seinen Kopf erhoben hatte. Traurig sah ich ihn an, bevor ich in seine Arme fiel. „Du darfst nicht wegziehen, wem klaue ich denn dann die Oliven?“, nuschelte ich gegen seinen Hals. Er antwortete nicht.

Seufzend ging ich wieder nach Hause. Ich hatte Flo gerade zum womöglich letzten Mal verabschiedet. Es ging weg. Einfach so. Deprimiert schloss ich die Tür auf, ignorierte das erstaunte Gesicht meines Bruders. Ich wollte nur noch ins Bett und nie wieder aufstehen. „Jo, was…“, setzte Jake an, ließ es dann aber. War auch besser so, ich fühlte ich auch so schon elend genug. Da konnte ich es nicht brauchen, wenn mein Bruder meinetwegen eingeschnappt wäre, weil ich ihm nicht geantwortet habe. In meinem Zimmer angekommen fiel mein Blick auf meine Pinnwand, an der lauter Bilder mit meinen Lieblingsmenschen hingen. Selfies mit Jakob, Elise, Jenny. Und wahnsinnig viele Bilder mit Flo. Mit drei beim Eis essen. Mit sechs bei der Einschulung. Mit dreizehn in Disneyland. Das neueste Foto, das dort hing, war ein Selfie nach der Wasserschlacht letzten Sommer. Während ich es betrachtete, rollte eine Träne über meine Wange. Ich konnte einfach nicht fassen, dass das alles jetzt weg war. Dreihunderteinundzwanzig Kilometer, um genau zu sein.

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