Mutter


Es geschieht schon wieder. Du hast mir gesagt, wenn ich ein guter Sohn bin, würdest du nie wieder die Hand gegen mich erheben. Du sagtest, ich bräuchte nur ein guter Sohn sein, mehr nicht.
Ich habe gelernt, ich habe immer die besten Noten mit nach Hause gebracht. Ich habe jeden Tag gelernt. Ich war sehr fleißig, Mama.
Ich blieb immer bis spät nachmittags in der Schule, damit du deine Ruhe hast. Du wurdest immer so sauer, wenn ich nach Hause kam und du mir Essen kochen musstest.
Weißt du, ich habe gelernt wie man kocht. Ich mache mir jeden Tag mein Butterbrot selber fertig, Mama.
Du hast meine Hand immer über eine Kerze gehalten, wenn die Nachbarin bei uns geklingelt hat, um mir Essen zu machen. Du sagtest, es wäre eine Strafe. Du musst das nicht mehr tun, Mama.
Ich habe sogar besser lügen gelernt. Und ich passe auf, dass ich immer lange Sachen anziehe. Niemand sieht mehr die blauen Flecke an meinem Bauch. Ich bin nur von dem Fahrrad gestürzt. Niemand sieht mehr den Abdruck der Zigaretten auf meinen Armen. Ich trage extra immer nur lange Pullover. Niemand wird es mehr sehen, Mama.
Ich weiß, du wolltest das nicht. Es war meine Schuld. Ich war kein guter Sohn. Ich hätte besser aufpassen sollen. Dann wäre Tommy’s Mutter nicht bei uns vorbei gekommen und hätte dich angeschrien.
Ich weiß, das hast du nicht verdient, Mama.
Ich kann auch schon meine Tasche alleine packen. Ich achte immer drauf, dass ich alles dabei habe. Gehe abends vor dem Schlafen gehen und morgens vor der Schule immer noch vier mal meine Tasche durch.
Du musstest mich immer für einen Tag in den dunklen Raum für böse Kinder sperren, wenn die Lehrerin angerufen hat weil ich eines meiner Bücher vergessen hatte. Du wolltest das nicht tun. Aber du sagtest, böse Kinder müssen in den bösen Raum.
Du wolltest nicht, dass jemand denkt du wärst eine schlechte Mutter.
Ich wasche sogar selber, Mama. Die alte Granny am Ende der Straße hat mir gezeigt, wie es geht. Ich kann meine Hosen und T – Shirts jetzt schon selber waschen.
Deswegen Mama, es ist nicht schlimm, wenn du ein paar Tage nicht da bist. Ich kann auf mich selber aufpassen. Ich habe das alles gelernt.
Du musst nicht mehr schreien und sauer werden. Du musst mich nie wieder aussperren. Denn weißt du, ich bin jetzt ein guter Sohn geworden.
Bist du nicht stolz auf mich, Mami?
Du sagtest immer, dass wenn ich ein guter Junge wäre, aus mir auch ein guter Mann werden würde.
Nicht so wie Papa.
Aus mir würde ein guter Mann werden. Jemand der bei dir bleibt.
Du sagst immer, dass Papa meinetwegen abgehauen ist.
Du sagst immer, er wollte kein Papa werden. Ich war ein Versehen.
Du sagst immer, dass ich kein guter Sohn bin. Und dass du mich deswegen hassen würdest. Weil ich genauso schlecht bin, wie Papa.
Doch Mama, siehst du nicht? Bin ich denn kein guter Sohn?
Warum habe ich wieder die blauen Flecke, Mama?
Du sagtest, wenn ich gut wäre, dann würden sie verschwinden.
Warum drückst du meinen Kopf immer in das kalte Wasser, Mama?
Du sagtest, wenn ich ruhig bin, würdest du das nicht mehr tun.
Warum hast du immer noch diesen Stock, Mama?
Du sagtest, wenn ich schweigen würde, würde er aufhören mir meine Finger zu brechen.
Mama, wieso hört es nicht auf?
Mama, bitte. Bitte hör auf. Ich werde ein noch besserer Sohn! Doch bitte hör auf. Mama, ich kann nicht mehr.
Mir wird schwindelig. Bitte hör auf mich zu schlagen, Mama.
Ich bin doch immer für dich da. Ich bin nicht wie Papa. Du weißt, dass ich dich liebe, Mama.

Ich versuche meine Augen zu öffnen. Du sagst, sie hätten die gleiche Augenfarbe wie Papa’s. Braun. Wie Dreck, sagst du immer. Die perfekte Augenfarbe, für ein Kind wie mich.
Ich versuche meine Augen zu öffnen. Doch ich kann nicht. Ich möchte dich angucken, noch ein letztes mal. Doch meine Augen, Sie sind zu angeschwollen.
Mama.
Ich möchte dich noch ein letztes mal sehen. Ich strenge mich an.
Ich sehe dich, wie durch einen kleinen Schlitz.
Ich liege auf dem Boden und du stehst über mir.
Mit einem Hammer.

Mama, bitte nicht. Mama, du weißt, dass ich für immer einschlafen werde. Bitte. Ich liebe dich doch, Mama. Ich weiß, es ist nicht deine Schuld. Doch bitte gib mir noch eine Chance. Ich werde ein guter Sohn sein.
Mama…
Du holst aus. Ich sehe den Zorn und denn abartigen Hass in deinen Augen. Sie funkeln wie ein Feuer.
Du holst aus.
Und meine Augen schließen sich. Alles wird schwarz.

Mama… Wieso war ich nicht gut genug?

Dilara ❤

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10 Gedanken zu “Mutter

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