#2 Kurzgeschichten Marathon – Teil 1


Vergissmeinnicht

Sie wippelte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her, fast wäre sie sogar nach hinten umgekippt, hätte sie sich nicht noch rechtzeitig an der Schreibtischlehne festgehalten.
„Was soll ich nur schreiben? Wie fängt man sowas an? Komm schon, stell dich nicht so an. Du hast schon tausend Briefe geschrieben! Warum fällt es dir jetzt so schwer?!“ Mei war nervös und konnte sich kein bisschen konzentrieren. Ihr Blick wanderte von dem leeren Briefpapier, das vor ihr lag, bis hin zur Wand, wo sie ihre Erinnerungsfotos ausgehängt hatte. „Oh, verdammt! Ich drifte schon wieder ab.“ Wütend und genervt über sich selber, wollte sich Mei nun voll und ganz auf ihren Brief konzentrieren. Sie ließ ein motivierendes Schnaufen von sich und los geht’s!
„Nur worüber soll ich überhaupt schreiben? Was soll ich ihm alles sagen?“ Mei war sich nicht einig, nicht einig über den Inhalt, über ihn und erst recht nicht einig, was ihre Gefühle anging. Seit 2 Jahren schon kannte sie ihn. Meik. Zuerst waren sie nur Freunde, so fängt jede Liebesgeschichte nun mal an aber nach einer Zeit entwickelte sich mehr. Jedenfalls auf Mei’s Seite. Jedes mal, wenn sie ihn sah, wenn sie sich trafen, drehte Mei durch. Sie war irgendwie nicht mehr sie selber, sie konnte nicht ruhig denken und handelte auf einmal total anders. Sie schämte sich für sich selber. ‚Reiß dich zusammen, du verliebtes Weichei!‘ Mei wollte unbedingt, dass Meik sie so anschaut, wie Mei ihn anguckte. Mei wollte die Person sein, von der Meik immer geträumt hatte. Seine Vertraute, die Person, der er alles erzählen würde. Ganz egal, um was es ging. Ob es über sein Tennis Training war oder über den Tod seines Opas. Ganz egal, Mei wollte alles wissen. Seine Träume, seine Ängste. Sie wollte ihn kennen lernen, wie noch nie jemand zu vor es gemacht hatte. Und sie wollte, dass er sie genauso kennt. Denn immer wenn sie bei Meik war, fühlte sie sich frei. Sie könnte schwören, dass sie so leicht wurde, dass sie sogar wegfliegen konnte. Meik steckte sie an, sie vergaß wer sie war und warum sie so ist, wie sie ist. Meik war ihre Freiheit, ihre Droge. Meik war ihre Befreiung.
Doch Meik war anders als Mei. Meik hatte viele Freunde, er war der Charismatische, der Lustige, der Spontane. Er konnte schnell Freunde finden und hatte kein Problem damit, einfach weiter zu ziehen. Er war sehr intelligent und hatte nie wirkliche Probleme. ‚Wie könnte ich mit so einem Typen mithalten? Wie kommt es, dass er sich aus allen Möglichkeiten mich ausgesucht hat?‘ Mei hingegen war eher der introvertierte Typ. Sie hatte sich komplett isoliert, wusste schon gar nicht mehr wirklich, wie man auf Menschen zu geht. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, denn in ihrer eigenen Welt, konnte sie sich aussuchen, was passieren würde, wer gehen würde und wer bleibt. Sie hatte die Kontrolle und diese Kontrolle gab ihr Sicherheit und nahm ihr ihre Angst. Manchmal jedenfalls. Denn obwohl Mei dachte, sie wäre zufrieden, wusste sie tief innen drin, dass es nur Schein war. Mei war einsam. Ihre Mutter hatte sie verlassen, für einen jüngeren Mann. Ihr Vater versuchte sich mit so viel Arbeit wie möglich abzulenken. Er konnte Mei nicht mehr ansehen, seitdem ihre Mutter ihn verlassen hatte. Er wollte sie nicht mehr bei sich haben. Das wusste Mei. „Red nicht mit mir! Rede nie wieder in der schmutzigen Stimme deiner Mutter mit mir!!!“ Diese Worte waren das, was Mei ausmachte. Ihr Vater konnte sie nicht mehr lieben. Sie war genauso dreckig, wie ihre Mutter. Sie war Abschaum. Und seitdem, redet Mei nicht mehr viel. Sie mag ihre Stimme nicht, ihre Augen, ihre Gesichtszüge. Sie mag sich nicht. Immer wenn sie in den Spiegel guckt, sieht sie die Augen ihrer Mutter und jedesmal, wenn sie ihre Mutter in sich wieder erkennt, riefen ihre Gedanken schreckliche Erinnerung wieder hervor. Erinnerung, wie Mei ihren Vater am Boden weinen sah. Wie er schrie und sich selber verloren hatte. Wie er Mei anguckte, als er bemerkte, dass sie ihn beobachtet hatte. Wie sich der Ausdruck seine Augen in hasserfüllte änderten, von Wut zerfressen. Wie sich die Trauer in Zorn verwandelte, wie er mit geballten Fäusten sich langsam aufrichtete und auf Mei zuging. ‚STOP!!!‘ Jedesmal, wenn Mei diese Erinnerungen sah, war sie wie in Trance. Sie musste sich selber zwingen auf zu wachen, um nicht in der Erinnerung zu ertrinken. Und so kam es, dass Mei eine Person war, die nur in ihrer eigenen Welt lebte. Mit niemanden, außer Meik.
Meik war der einzige, mit dem sie sich verbunden fühlte. Er war der einzige, der Eintritt in ihre Welt bekam. Er war ihr Held.

Dilara ❤

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2 Gedanken zu “#2 Kurzgeschichten Marathon – Teil 1

  1. lifewithsaskia schreibt:

    Richtig, richtig schön und gut geschrieben! Die Fortsetzungen sind sicher genauso gut!
    Nur ein Mini-Tipp: Mach mehr Absätze… zumindest finde ich persönlich es einfach den Gedankengängen zu folgen, wenn da mehrere kurze Abschnitte sind als wenige unglaublich lange! 🙂

    Gefällt 1 Person

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