Kurzgeschichten Marathon – 4


„Ich glaube, ich habe mein Mitleid verloren.“
-„Dein Mitleid?“
„Mein Mitleid, meine Empathie, mein Einfühlungsvermögen. Such dir eins aus.“
– „Wie, du hast es verloren?“
„Na, einfach verloren eben. Mir ist es komplett egal geworden, ob meine Freunde leiden.“
– „Ach, das meinst du doch nur so.“
„Nein, ehrlich! Mara hat Suizid Gedanken, Pia’s Opa stirbt, Vanessa’s Vater hat den Kontakt zu ihr abgebrochen und das einzige woran ich denken kann ist, ob wir trotz dem noch alle Samstag ins Riga gehen zum feiern.“
– „Fühlst du dich denn nicht komisch? Das was sie durch machen, müsstest du doch am besten kennen. Du hattest letzte Jahr ein Suizidversuch, mit deinem Vater redest du schon seit Jahren nicht mehr und dein Opa ist gestorben, als du 11 warst.“
„Also willst du mir gerade sagen, dass es mich nicht interessiert weil ich genau weiß, was sie durchmachen?“
– „Und du nicht dran erinnert werden möchtest.“
„Aber müsste ich nicht gerade dann für sie da sein wollen? Bei all den Situationen wollte ich nur wen haben, der bei mir ist, weißt du? Einfach irgend jemanden, der mich zum reden zwingt.“
– „Du warst alleine.“
„Ja, ich war alleine. Ich musste das alles alleine durchmachen. Habe ich deswegen kein Mitleid für sie? Weil ich alleine war und sie nicht? Möchte ich, dass sie genauso leiden wie ich? Sollte ich nicht eher wollen, dass sie dieses Leid nicht spüren? Du weißt schon, die Person sein, die ich mir damals gewünscht habe.“
– „Du bist echt düster und verdreht, weißt du das?“
„Was soll ich machen?“
-„Was willst du machen?“
„Ich will nicht für sie da sein. Ich will, dass mir jemand hilft und dass wir über mich reden. Nur über mich. Mich interessiert es nicht, wie es den anderen geht. Das nervt mich, dass ich so tun muss, als ob.“
-„Du weißt, du würdest deine Freunde verlieren, wenn du weiter so drauf bist.“
„Das ist das Problem. Wie kann ich ‚ich‘ sein und trotzdem Freunde haben?“
-„Gar nicht.“
„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich ihnen sagen soll. Ich hasse sie und ich hasse mich, wenn ich ihnen helfen soll. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, die suizidgefährdete Mara sich selber zu überlassen. Obwohl Mara meine beste Freundin ist.“
-„Du bist wirklich egoistisch. Und ich bin deine beste Freundin.“
„Soll ich ihnen weiter schreiben und hoffen, dass es bald vorbei ist? Weißt du, seitdem die diese Probleme haben, schlafe ich schlecht und fühle mich wieder dunkel.“
-„Kommen deine Depressionen wieder zurück?“
„Glaubst du, dass das gar nicht ich bin? Dass ich, mein wahres ich, Mitleid mit ihnen hätte und traurig wäre weil es meinen Freunden so schlecht geht? Und das mein jetziges Ich nur meine dunkle Seite ist, meine Depressionen?“
-„Wohl möglich. Oder du bist einfach ein egoistisches Kind.“
„Glaubst du denn, das geht vorbei? Stell dir mal vor, ich verschlimmere alles.“
-„Ist es denn nur eine Phase?“
„Keine Ahnung.“
-„Du solltest es heraus finden.“
„…Also muss ich weiterhin so tun, als würde mich das alles interessieren?“
-„Ja.“
„Oder…?“
-„Oder du suchst einfach deine Empathie.“
„Hast dich also für Empathie entschieden, mh?“
-„Klingt besser.“
„Wo soll ich sie denn suchen?“
-„Da, wo du es nie erwarten würdest.“
„Schwachsinn. Wo wäre das?“
-„Vielleicht bei dem Selbsthass?“

 

Das Wetter (regen, regen und nochmal regen) passt perfekt zu meiner Laune. Schlecht gelaunt und irgendwie ein wenig Melancholie. Vielleicht liegt’s auch einfach am Schlaf. Denn davon hatte ich zu wenig.

Dilara ❤

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Ein Gedanke zu “Kurzgeschichten Marathon – 4

  1. phantomslair schreibt:

    Cooler Dialog. Ich tu mich nur bisschen schwer damit, dass Empathie und Mitleid in einem Satz auftauchen. Ich habe das Gefühl, dass Mitleid mehr Egoismus beinhaltet, als die Wurschtigkeit, über die sich die eine Person bei sich selber beschwert. Aber auf jeden Fall ein super Text, schon wegen seiner Direktheit. 🙂

    Gefällt 1 Person

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