Kurzgeschichten Marathon – 2


Amelie’s toter Geist

Erschöpft und unausgeschlafen hob ich meinen Kopf. Mein Nacken hatte sich verspannt. Was kein Wunder war, ich habe seit 3 Monaten nur in einem Sessel geschlafen. „Amelie, bist du wach?“ hoffnungsvoll wartete ich auf eine Antwort. Doch obwohl ich inständig auf ein positives, auf ein lebendes Zeichen von ihr glauben wollte, wusste ich, dass dies nicht der Fall sein wird. Sie lag dort immer noch so wie gestern. Immer noch so wie vor 3 Monaten. Es hatte sich nichts geändert. Sie ist lediglich ein bisschen blasser geworden. ‚Das ist kein gutes Zeichen‘ murmelte ich besorgt vor mich her. Langsam stand ich auf und berührte mit meinen nackten Fußsohlen den kalten Boden. Es waren nur zwei Meter zwischen dem Sessel und ihrem Bett und dennoch kam es mir vor als würde der Weg zu ihr Jahre dauern. Als wäre die Zeit angehalten worden und das einzige was sich langsam bewegt, wäre ich. Noch immer unschlüssig, ob ich überhaupt zu ihr gehen sollte, wagt sich meine Stimme hervor. „Amelie…“ Sie sah so schwach aus. So unglaublich schwach. Von der Lebensfreude, die sie eins mal erfüllt hat, war nichts mehr zu sehen. Das Lächeln, dass sie immer hatte, wenn sie mir etwas aufregendes erzählen wollte. Es ist als wäre dieses Lächeln, voller Energie und Mut und Liebe, niemals da gewesen. Sie sah gar nicht gut aus. Selbst ihre wunderschönen, blonden Haare waren glanzlos geworden. Langsam, wie von einer anderen Person gesteuert, hob ich meinen Arm. Ich wollte Amelie berühren. Ich wollte mir beweisen, dass Amelie noch da ist. ‚Sie ist da. Wenn sie mich spürt, wird sie aufwachen und wieder gesund werden. Ich muss irgendwie zu ihr durch dringen.‘ Doch kurz bevor ich ihre Stirn berühren konnte, stoppte ich. Ich war so nah an ihrem Gesicht dran, dass ich sogar einzelne Härchen spüren konnte, die meine Handinnenfläche berührten. Sie wirkte so zerbrechlich, ich hatte Angst, dass sie durch meine Berührung in tausend kleine Teile auseinander bricht. Langsam und behutsam legte ich meine Handfläche auf ihre Stirn, erst meine Fingerspitzen und dann meine ganze Hand. Ich legte ihr sie so auf die Stirn, wie es meine Mutter immer gemacht hat, um zu gucken, ob ich Fieber hatte. Amelie hatte kein Fieber. Es fühlte sich rau an und irgendwie kalt. Meine Hand glitt an ihrem Gesicht herunter, über ihr viereckiges Muttermal am Kinn, Richtung Hals. Ich konnte ihren Herzschlag spüren. Er war ganz schwach und langsam. Aber er war da. Ich spürte wie er durch ihren Körper pulsierte, er drang durch ihre Haut zu meiner Hand und gab mir die Stärke, wieder an ihre Genesung zu glauben. ‚Ich wusste du bist da. Du lässt mich nicht alleine oder?“ Ein Grinsen huschte mir über die Lippen. Für einen Moment war es wieder so wie damals, wie damals als Amelie noch da war und wir geredet haben. Solche Momente hatte ich öfters. Momente, in denen ich vergas, was passiert war. Den schrecklichen Unfall. Momente, in denen Amelie noch Amelie war und ich noch ich. Es waren lebhafte Momente, voller Liebe. Doch jedesmal drangen sich sofort wieder diese Bilder in meinen Kopf. Sie kamen direkt hervor geschossen, damit ich ja nie vergas, welches Leid ich ihr angetan hatte. Sie ließen mich nicht vor der Realität flüchten, denn die Realität holte einen immer ein.
‚Amelie…‘ Mein ganzer Körper begann zu zittern, meine Knie fühlten sich taub an. Ich spürte auf einmal nichts mehr. Nur dieses laute Dröhnen in meinem Kopf. Es waren Schreie, verzweifelte Schreie, die niemand hören konnte. Alles tat weh. Ich beugte mich vor zu ihrem Gesicht und stütze mich mit meinen Händen an der Bettkante ab. Mein Gesicht war nun so nah, dass meine Wange, ihre berührte. „Amelie“ flüsterte ich leise in ihr Ohr. Die Stelle, wo ich Amelie berührte, wurde kälter. Die Kälte drang in mir ein und erfasste mich. Ich spürte, dass ich es nicht länger aushalten konnte. „Es tut mir so unendlich leid.“ Meine Stimme brach zusammen und salzige Tränen flossen an meinen Gesicht herunter und prallten auf ihrem Kissen auf. „Es tut mir so leid.“ Meine Worte klangen nicht mehr ausdrucksvoll. Es war nichts weiter als ein Wimmern. Ein Wimmern, in dem sich der Schmerz wiederspiegelte, den wir durchgemacht hatten. Meine Knie gaben nach und mein Körper sackte nach unten. Ein Klumpen war in meinem Hals, der mir das Atmen erschwerte. Gar unmöglich machte. Ich schloss meine Augen und lehnte mein Kopf auf ihre Bettkante. Wir standen plötzlich wieder an der Straße, an der gleichen Straße wo wir vor drei Monaten standen. Ich stupste sie mit meinen Ellenbogen in ihre Hüften und wir prusteten beide los vor lachen. Wir mussten so sehr lachen, das Amelie ihr Gleichgewicht verlor und durch den vereisten Weg ausrutschte. Ein Geräusch dröhnte schon wieder in meinem Kopf. Was war das? Ein LKW raste viel zu schnell in unsere Richtung. Das Geräusch, es war ein Hupen. Er hupte weil Amelie bewusstlos auf der Straße lag. Sie hatte sich den Kopf angeschlagen. ‚Amelie!‘ Ich schrie sie an. ‚Amelie!!!‘ Ich zerrte an ihr, doch ihr Arm entwich mir immer. Ich konnte sie einfach nicht fassen. Der LKW war vor uns. Das laute Dröhnen in meinem Kopf, es hörte seit diesem Tag nie wieder auf. Egal wie sehr ich mir die Ohren zu hielt und los schrie. Egal wie sehr ich mich wie ein Fötus zusammen kroch und auf dem Boden wälzte. Die roten Lichter, des LKWs waren das einzige was ich seit dem sehen konnte. Und das ganze Blut, dass auf der schneebedeckten Straße lag. Es war so viel Blut. Ich schloss meine Augen wieder auf. Das Wimmern war weg, einzig und alleine die Tränen flossen noch weiter mein Gesicht runter und prallten auf dem Boden auf und zersplitterten. Ich hob meinen Kopf und schaute Amelie an. Seit 3 Monaten lag sie schon im Krankenhaus. Mein Blick war verschwommen und meine Augen angequollen. Doch es war ruhig. Alles war ruhig. Meine Beine richteten sich von alleine wieder auf. Mein Blick war starr auf Amelies Gesicht gerichtet. Ihr Gesicht, ihr wunderschönes Gesicht, würde ich niemals vergessen. Meine letzte Träne lief an meinem Gesicht hinunter. Ich hob zum letzten mal in diesem Leben meinen Arm und griff nach Amelie. Schon wieder konnte ich sie nicht fassen, ich war durchsichtig. Ich griff durch sie hindurch. Ich setzte mich neben ihr aufs Bett und hob meine Beine hoch und legte sie neben ihre. Ich lag wie ihr Spiegelbild neben ihr, bis ich anfing in ihr zu gehen. Zuerst verschwand mein arm, dann mein Oberkörper und zuletzt mein Gesicht.’Amelie…‘ Ich konnte nicht viel tun aber ich konnte ihr mein Leben geben. Nur noch mein Pullover Zipfel ragte aus. Doch nach zwei Minuten war ich komplett in ihr. Ich war verschwunden. Verschwunden von dieser Erde. Ich gehörte hier schon lange nicht mehr hin. Die Erde war ein Platz für lebende Wesen. Und ich gehörte schon seit 3 Monaten nicht mehr zu ihnen.
Beep. Beeep. Beeep. Amelies Herzschlag fing wieder an schneller zu schlagen. Ihre Haut bekam wieder die natürliche rosa Farbe. Schlagartig öffnete sie ihre Augen und blinzelte. Ihr Oberkörper hob sich auf und ab und immer schneller. Sie konnte wieder von alleine atmen. Amelie war endlich aufgewacht. Amelie war wieder am Leben.
Nur ihre Freundin, die sie vor 3 Monaten von der vereisten Straße gezogen hat, die vor 3 Monaten selbst von dem LKW erfasst wurde, um sie zu retten. Die war nicht mehr am Leben.
‚Amelie… vergiss mich nicht‘

Dilara ❤

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