Gänseblümchen müssen stark sein.


Er stand vor mir. Ich wusste nicht, wer überraschter war. Er hatte sich verändert. Er war größer, mindestens einen Kopf größer als ich. Seine Arme muskulöser und sein Gesicht markanter, er hatte ein sehr männliches Kinn. Die kleine Narbe unter dem linken Ohr war immernoch da. Seine Haare waren kurz, sehr kurz. Am meisten hatte sich jedoch der Ausdruck seiner Augen verändert. Sie waren früher voller Kraft. Sie waren meine Kraft. In seinen Augen küssten sich die Sonne und der Mond. Der Ozean tobte und Himmel strahlte. Seine Augen waren die Stärksten, die ich je gesehen habe. Nun waren sie blass. Sie waren durchsichtig, es war nichts mehr von der Kraft zu sehen. Hatte ich sie ihm weggenommen? Sein linker Mundwinkel zog sich nach oben. Seine Augen versuchten zu funkeln. „Emma.“ Ganz leise und in einer rauen Stimme. Dennoch drang sie zu mir durch. „Emma.“ Seine Stimme. Auch sie war verändert, doch sie kam mir bekannt vor. Warum rief er nach mir? „Bitte, Emma…“ Seine Stimme brach. Ich fühlte wie etwas auf mein Gesicht tropfte. Wärme durchfuhr mich. Er hatte meine Hand genommen. Nicht loslassen, bitte nur nicht los lassen. Diese Wärme tat mir gut. Seine Augen ware so leer, doch er hatte noch so viel Wärme in sich. Ich erinnere mich an diese Stimme. Ich hatte das alles schon mal erlebt. Er sagte meinen Namen wie damals, wie damals als ich im Krankenhaus war. Und als ich aufwachte, lag neben mir ein Gänseblümchen und eine Packung Gummibärchen. „Ben…“ Es tat so weh zu reden. Wo ist meine Kraft hin? Noch einmal! „Benni“ als leises Zischen kam es endlich aus meinen Mund heraus. Bitte hör mich Benni. Ich wusste du bist es, mein Benni. Du bist gekommen, um mich zu retten. Du bist gekommen mir meine Gänseblume zu geben. Mein Held.
Als sich meine Eltern getrennt hatten, sind mein Vater und ich neben sein Haus gezogen. Blaustraßenallee 23. Damals war ich 5 und Benni 7. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, wie an den Haare ziehen, mit Regenwürmern bewerfen, wurden Benni und ich unzertrennlich. Er war für mich da. Benni war für mich immer mehr als ein Freund. Wenn ich alleine zu Hause auf mein Vater gewartet habe, der meistens länger gearbeitet hat um die Miete zu bezahlen, kam Benni vorbei. Jedesmal. Ich hatte ihm nie gesagt, dass ich Angst habe alleine zu sein und doch wusste er es. Und jedesmal wenn er mich besuchte, brachte er mir Gänseblümchen und eine Packung Gummibärchen mit. Er wusste, dass mich das glücklich machen würde. Benni war mein Held. Doch ab Beginn der 9ten Klasse fing er an sich zu ändern. Ein Mädchen wie ich, dass sich lieber im Zimmer verkroch, anstatt sich zu schminken war nicht mehr gut genug, um mit Benni abzuhängen. Meistens tat er so als würde er mich nicht kennen. All die Erinnerung haben für ihn nicht mehr existiert. Und ich war wieder alleine. Mein Vater war oft im Ausland. Niemand war da als es anfing. Nur ich, in einem großem, leerem Haus. Irgendwann fing ich an Ecstasy zu nehmen. Ich brauchte irgendwas um mich am Leben zu halten. 3 Tage habe ich nicht durchgeschlafen. Ich sah scheiße aus. Wirklich scheiße. In der Schule wollte ich nur verschwinden. Ich saß immer still an meinem Platz und den Kopf nach unten gerichtet. Niemand bemerkte mich. Doch ab und zu bemerkte ich aus dem Augenwinkel Bennis Blick, der auf mich gerichtet war. Doch jedesmal, wenn ich versuchte seinen Blick zu erwiedern, ihm in die Augen zu gucken, verschwand Bennis Blick. Er war einfach fort. Hat er sich Sorgen gemacht? Doch selbst wenn ich Bennis Blick spürte, nach einiger Zeit konnte mich selbst Benni nicht mal dazu bringen meinen Kopf zu heben. Ich spürte seine Blicke, sie brannten wie ein heißes Eisen auf meiner Haut. Doch Benni konnte mich nicht dazu bringen meinen Kopf zu heben. Ich war alleine. Und die Einsamkeit machte mich krank. Manchmal ging es mir so schlecht, dass ich mich übergeben musste. Ich rutschte ab in die Magersucht. Meine Welt bestand nur noch aus Tränen, die so groß von meiner Wange kullerten, dass keiner hätte sie tragen können. Die längste Zeit, die ich mal in der Schule wegen meiner Krankheit gefehlt habe, waren 3 Wochen. In den 3 Wochen war ich im Krankenhaus. Nach einem wiederholten Hungerstreik, konnte mein Körper einfach nicht mehr. Und jeden Montag Morgen als ich aufwachte, fand ich links neben mir auf dem Tisch ein Gänseblümchen und eine Packung Gummibärchen liegen. Benny? Mein schwacher Körper zwang sich zu einem Lächeln. Die Gummibärchen waren das erste was ich nach 17 Tagen wieder gegessen hatte. Benni… Er hat über mich gewacht. Das Gänseblümchen war meine Hoffnung. Benni wollte dass es mir wieder gut geht. Das Gänseblümchen war meine Medizin und mein Schutzengel. Ich wollte kämpfen. Ankämpfen gegen mich. Ich musste mir beweisen, dass es sich lohnt weiter zu leben. Ich wollte leben. Denn trotz alledem war Benni mein Held. Und schon wieder hat er mich gerettet. Ich sah die Sonne, ich rannte hinein. Glücklich schrie und sprang ich durch die Gegend. Frei, ich fühlte mich so frei und leicht. Nichts lag auf meinen Schultern. Ich tobte und hüpfte.
Nein… Nein! Ich rutsche ab. Nein. Ich rutschte immer tiefer und tiefer in die Dunkelheit. Halt! rief ich. Doch die Dunkelheit hatte mich schon.
4 Jahre vergingen danach. Und endlich spürte ich wieder diese Wärme in mir. 4 jahre war ich in der Dunkelheit. Ich bin wie ein Gänseblümchen, ich kann nur leben wenn die Sonne scheint. Und meine Sonne war wieder da. Ich hört ihn. Benni. Mein Held. Ganz langsam und zögernd öffnete ich meine Augen. Das Nasse auf meinem Gesicht waren Tränen. Jemand weinte. Ich blinzelte, verdammt, meine Sicht ist so unscharf. Ich tastete mich Schritt für Schritt heran. Endlich sah ich ihn, er beugte sich über mich, mit gläserenen Augen aus denen Tränen voller Hoffnung kullerten, „Emma.“, er grinste. So charmant. „Benni“ Meine Stimme war immernoch schwach. Doch er hörte sie.
„Was…“ Komm schon. Nochmal. „Was machst du hier Benni?“
Schon wieder dieses charmante Grinsen, in dem so viel Liebe steckte. „Ich weiß doch, wie sehr du Angst hast, alleine zu sein.“
Seine Hand streichelte sanft mein Gesicht, er beugte sich vorsichtig vor. Seine Augen schloßen sich. Langsam, ganz langsam näherte er sich. Ein Kuss. Ich spürte seine warmen Lippen. Sie traffen auf meinen dürren, trockenen Mund. Doch als sie von ihm berührt wurden, waren sie wieder voller Leben. Sie färbten sich wieder rosa. Sie fingen an zu blühen.
4 Jahre vergingen bis ich aus meinem Koma erwacht bin.
„Mein Benni…“

 

Dilara ❤

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