Oneshot


Beschwingten Schrittes lief ich durch die Stadt, hüpfte beinahe. Die Luft war feucht, ein Vorgeschmack des Sommergewitters, das in Kürze losgehen sollte. Schwere Wolken hingen am Himmel, wie eine graue Wand. Sanfte, immer stärker werdende Windstöße ließen mein Haar umherwirbeln. Die braunen Locken flogen um meinen Kopf wie wild gewordene Schlangen. Die Ärmel meines Pullovers hatte ich bis zu den Fingerspitzen heruntergezogen. Mir war eiskalt, doch die Kälte konnte meiner Fröhlichkeit nichts anhaben. Heute würde es geschehen. Die letzten Muster würden meinen Arm zieren, würden das Meisterwerk vollkommen machen. Von Passanten wurde ich angesehen, als wäre ich verrückt. Doch das war mir egal. Zum ersten Mal in meinem Leben war mir die Meinung anderer egal. Sie sahen mich doch eh nie wieder. Konnten sich glücklich schätzen. Die Plastiktüte an meinem Handgelenk schnürte mir das Blut ab, doch auch das war mir egal. Voller Vorfreude auf die nahe Vervollständigung des Meisterwerkes meines Körpers lief ich nach Hause. Niemand zuhause, doch das war von vornerein klar gewesen. Es war nie jemand zuhause. Mein Vater arbeitete, meine Mutter und meine Schwester waren schon lange nicht mehr da. Zuerst war meine Schwester gestorben. Krebs, so hatte es in der Todesanzeige gestanden. Sie ist erst dreizehn gewesen. Der Kummer um ihr jüngstes Kind hatte meine Mutter in den Wahnsinn getrieben. Depressionen, starke Depressionen. Eines Tages war ich aufgewacht, hatte sie auf dem Sofa liegend vorgefunden. Sie hatte sich nicht gerührt, als ich sie geschüttelt hatte. Eine Überdosis an Tabletten, wie mir der Arzt später mitgeteilt hatte. Ich bin damals sechzehn gewesen. Sechzehn Jahre alt, ohne Mutter, ohne Schwester. Unbewusst hatte ich angefangen, wie meine Mutter zu werden. Anorexie, Bulimie. Alles durchgemacht, nichts hatte geholfen. Mein Vater hatte das erst später bemerkt und mich in eine Klinik für Essstörungen einliefern lassen. Sobald ich als geheilt befunden worden war, hatte ich neue Mittel gesucht, um den Schmerz, die Leere in meinem Inneren zu betäuben. Die Klinge war zu meinem besten Freund, zu meinem Retter in der Not geworden. Seit Monaten trug ich nur noch langärmliche Shirts und lange Hosen, um die Muster auf meinen Armen und Beinen zu überdecken. Ich wollte nicht erneut in eine Klinik, hatte aus meinen Fehlern gelernt. Auch heute verdeckte eine lange Jeans meine Beine, Chucks versteckten meinen Fußrücken. Ich zog sie aus, als ich die Tür hinter mir schloss. Freudig kletterte ich über den Balkon auf das Flachdach des Mehrfamilienhauses, die Plastiktüte noch immer an meinem Handgelenk. Von dort oben hatte man eine wundervolle Aussicht, ich konnte die ganze Stadt überblicken. In der Ferne konnte ich Polizeisirenen hören. Doch auch das war mir egal. Glücklich wie ein kleines Kind, das gerade seine Lieblingssüßigkeit bekommt, packte ich den Inhalt der Tüte aus. Neue, schärfere Rasierklingen, um mein Meisterwerk zu perfektionieren. Das Metall glänzte in dem matten Licht, das ich den Wolken zu verdanken hatte. Noch war die Fläche spiegelblank, ich hätte mich mit besserem Licht in der Oberfläche sehen können. Sanft, als würde ich einen Schatz berühren, fuhr ich einmal mit dem Finger über die messerscharfe Kante. Rubinrotes Blut lief aus der Schnittwunde über meine Hand. Perfekt. Ich zog mir Hose und Pullover aus, spürte die Kälte kaum. Lächelnd setzte ich die Klinge an meinem rechten Arm an, fuhr die Muster der vergangenen Monate nach. Fester diesmal. Wieder lief die rote Flüssigkeit aus den Schnitten, machte es beinahe unmöglich, die verblassten Narben nachzufahren. Ich schaffte es, wiederholte die Prozedur an dem anderen Arm. Dann folgten meine Beine. Schließlich setzte ich die Klinge an meinem Fußrücken an, für den finalen Schnitt. Fest fuhr ich einmal über meinen ganzen Körper, hieß das einsetzende Brennen willkommen. Die Rasierklinge legte ich neben meinen Kopf, als ich mich langsam nach hinten gleiten ließ. Blut strömte aus den wundervollen Mustern, färbte meine restliche Kleidung und den Beton unter mir rot. Ein kalter Tropfen landete auf meiner Stirn, ein weiterer auf meinem Knie. Weitere Tropfen fielen von Himmel, wuschen mein Blut weg. Taubheit setzte ein, erst in meinen Beiden, dann in meinem ganzen Körper. Ein dumpfes Kribbeln durchfuhr mich, bevor alles um mich herum dunkel wurde. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, die ich nicht mehr spüren konnte. Jetzt war meine Zeit gekommen. Ich würde wieder mit meiner Familie vereint sein. Endlich.

Das ist jetzt ein dahingerotzter 30-Minuten-Oneshot, bei dem ich selbst nicht mehr weiß, was ich da geschrieben habe 😮 Irgendwie kam ich gestern Nacht dadrauf und habe den Text gerade geschrieben, weil das zu Dilaras Beitrag gepasst hat. Aber irgendwie beängstigen mich meine Wörter. Na ja. Seht es als 100-Follower-Special an. Was ich übrigens immer noch cool finde.

LG, Lea

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6 Gedanken zu “Oneshot

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