I know you #10


*Ric*

„Du sahst meinen Sohn!“, sagt Arwen genau in dem Moment, in dem Livs Handy klingelt. Das Foto ihres Stiefvaters, den ich nur einmal gesehen habe, erscheint auf dem Display. Mit einem Lächeln entschuldigt sich meine Freundin und verschwindet aus dem Zimmer, damit ich den Film weitergucken kann. Undeutlich höre ich Olivias Stimme, kann aber nicht entziffern, was sie sagt. Vermutlich irgendeine Begrüßung. Dann höre ich lange Zeit nur, wie sie hier und da etwas einwirft, sonst nichts. Aragorn erscheint gerade wieder im Bild, als ich das Klappern eines Gegenstands auf dem Boden höre, gefolgt von einem unterdrückten Schluchzen. Blitzschnell stehe ich auf und laufe zu Olivia, die auf dem Boden kniet. Tränenbäche fließen ihr über die Wangen und tragen die Mascarapartikel mit sich, sodass eine verschmierte schwarze Spur entsteht. Vorsichtig lasse ich mich zu ihr nieder und wische mit dem Daumen die Mascarareste weg. „Was ist los?“, frage ich leise. Sie sieht mich nur weiter mit ihren Rehaugen an. „Mom und Mike hatten einen Unfall. Mike geht es gut, aber Mom…“, beginnt sie schließlich mit zitternder Stimme. Mir ist klar, dass sie nicht enden wird. Zumindest nicht bevor sie sich beruhigt hat. Schweigend hebe ich sie hoch und trage sie in zurück in das Wohnzimmer. Hier kann sie einfach nicht sitzen bleiben. Olivia legt ihre Arme um meinen Hals und lehnt den Kopf an meine Schulter. Sie wird mich nicht mehr loslassen, soviel ist klar. Langsam setze ich mich mir ihr auf dem Schoß auf das Sofa. „Mom hat innere Verletzungen und wird gerade operiert.“ Als würde ihr gerade erst die Bedeutung ihrer Worte einfallen sieht sie mich geschockt an. „Oh mein Gott. Ich muss ins Krankenhaus! Ich muss sofort ins Krankenhaus!“, schreit sie hysterisch und steht auf. Wie von der Tarantel gestochen rast sie durch das Haus und sucht panisch nach ihren Autoschlüsseln, während ich wie gelähmt sitzen bleibe. Krankenhaus. Verletzungen. Blut. Mom. Gequält schließe ich die Augen und kneife mir in die Nasenwurzel, um die schrecklichen Bilder, die mich seit dem Tod meiner Mom verfolgen, zu vertreiben. Doch es hilft alles nichts. Letztendlich ist es Livs Stimme, die mich zurück in die Gegenwart holt. Sie hat ihre Schlüssel gefunden und schreit nun triumphierend auf. „Ich fahre.“ Fest entschlossen nehme ich ihr den schwarzen Schlüssel mit dem BMW-Zeichen aus der Hand. In ihrem Zustand sollte sie sich nicht hinters Steuer setzen. Schmollend sieht sie mich an und möchte etwas erwidern, überlegt es sich dann aber doch anders und schiebt mich zur Tür. „Los, los, los!!“

Seit mehr als 5 Stunden sitzen wir hier schon. Liv läuft die ganze Zeit wie bescheuert im Raum auf und ab, während Mike auf seinem Stuhl eingeschlafen ist. Ständig kreuzen hier irgendwelche Presseleute auf und fragen nach Neuigkeiten oder Fotos. Die Tatsache, dass Catherine Jones einen Unfall hatte, hatte sich schneller rumgesprochen als die Schläger-Sache von Beyoncé’s Schwester und Jay-Z. Ich bin mir relativ sicher, dass bereits unproffessionelle Bilder von uns dreien im Internet stehen und mindestens eines davon die Bildunterschrift „Quälendes Warten. Die OP von Designer-Sternchen Catherine Jones (40) ist noch immer nicht vollendet. Die Welt hofft mit den Angehörigen“ trägt. Und auf welcher Website steht das? Nicht etwa auf der der Tageszeitung, sondern bei sanfranciscoexaminer.com. Ich bin auf der Website einer Boulevardzeitung zu sehen. Gut, immerhin erkennt man nur meine Haare, da ich den Kopf gesenkt hatte, aber dennoch bin ich zu sehen. Dass man mein Gesicht nicht sieht, ist ein Riesenglück, denn sonst hätte ich das Land verlassen müssen. Dass er weiß, wo ich bin, ist schon schlimm genug, da muss es auch nicht die amerikanische Mafia wissen. Im Moment hänge ich sehr an meinem Leben, und die würden mir den Kopf abreißen und das Foto dann an alle Zeitungen des Landes schicken. Und ich bezweifle, dass die Blutlache, die sich zu 100% bilden würde, meine Schokoladenseite betonen würde. Grimmig bemerke ich ein weiteres Reporterarschloch, der es an der Security vorbei zu uns geschafft hat. Na klasse. Olivia wendet sich im mit zusammengekniffenen Lippen zu. Sie hat es schon vor geschätzt 100 aufdringlichen Journalisten aufgegeben, freundlich zu sein. Der Schock des Unfalls und die damit zusammenhängende Lebensgefahr ihrer Mutter hatten sie aus der Bahn geworfen. Das Weinen hatte sie aufgegeben, dafür hatte sich die Wut breitgemacht, und volle 15 Minuten verbrachte sie damit, Mike wegen seines übermäßigen Alkoholkonsums anzuschreien. Mike, der immer noch leicht angetrunken war, hatte die ganze Schimpftirade über sich ergehen lassen und sich danach kleinlaut entschuldigt und beteuert, dass er nicht wisse, was in ihn gefahren sei. Seitdem herrschte Stille im seperaten Wartezimmer, und der sensationsgeile Reporter hatte definitiv den kürzeren gezogen. Lautstark macht Olivia ihrer Meinung Luft und bringt somit wieder ein bisschen Leben in den Raum, während ich den Kopf gesenkt halte. Man kann ja nie wissen, ob der Journalist nicht heimlich Fotos schießt.

Meh. Ich bin unzufrieden. Eigentlich wollte ich noch mehr Spannung und Drama einbauen, aber darin bin ich eine totale Niete. Also bleibt das Kapitel unspektakulär und dramatiklos. Aber na ja.

LG, Lea

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