Story ohne Namen #46


*Celia*

Seufzend blicke ich auf die vernarbte Stelle an meinem Bein. Ich habe in letzter Zeit nicht mehr an meine ehemalige Wunde gedacht und nicht einmal bemerkt, dass sie schon vollkommen verheilt ist. „Lia? Bist du da drin?“, fragt Anna und klopft an die Tür der Kabine auf unserer Schultoilette. Schnell ziehe ich die Hose wieder über mein Schienbein und öffne die Tür. „Komm schon, wir haben Englisch! Du weißt ja, wie die Kuh austicken kann, wenn man auch nur fünf Sekunden nach dem Klingeln ins Klassenzimmer stürmt!“

Vorsichtig balanciere ich auf dem schmalen Streifen am Bordsteinrand. Eine Fuß kommt vor den anderen, wenn einer die Straße oder den eigentlichen Bordstein berührt, habe ich verloren Das mache ich schon seit ich klein bin immer gerne. So nähere ich mich unserem Haus, an dessen Tür schon wieder ein Schild hängt. Ohne es auch nur anzusehen öffne ich die Tür und trete ein. Ich möchte nicht schon wieder diese Panik spüren. Doch es ist unvermeidlich: Sobald ich drinnen bin, tanzen schwarze Punkte vor meinen Augen und mein Brust zieht sich zusammen. Meine Hände strecken und beugen sich und mein Augen sind zugekniffen. Einatmen. Ausatmen. Du schaffst das. Einatmen. Ausatmen. Siehst du, es geht schon weg. Einatmen. Ausatmen. Jetzt ist es viel besser. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Das war das Mantra meiner Mutter. Sie hat es früher immer vor sich hin gemurmelt, wenn sie eben soeine Panikattacke überrollte. Diese Attacken scheinen eine Art gendefekt zu sein, den stets die Frauen weiter geben. Diese Art von erbbarer ‚Krankheit‘ tritt immer erst im Alter von Fünfzehn bis Siebzehn auf, und es war klar, dass ich sie bekomme. Also bin ich nicht sonderlich überrascht, trotzdem muss ich es sagen. Damit umgehen hat Mama mit schon mit Zehn beigebracht. Nachdenklich suche ich Papa, der jetzt eigentlich zuhause sein sollte, um ihn davon zu berichten. Schlimm finde ich es nicht, es ist einfach nur ungerecht. Izzy wird es auch bekommen und, falls ich später eine bekomme, auch meine Tochter. Jungs sind davon ausgeschlossen, das ist dasselbe wie bei der Menstruation. Und genauso ungerecht. „Celia! Kann ich etwas für dich tun?“, fragt mein Vater, als ich in sein Arbeitszimmer eintrete. Neben ihm sitzt ein dicker Mann. Der dicke Mann.

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9 Gedanken zu “Story ohne Namen #46

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